Die Azoren gehören zu den besten Wanderdestinationen Europas. Mitten im Atlantik gelegen, vereint der portugiesische Archipel eine landschaftliche Vielfalt, die man auf so engem Raum nur selten findet: tosende Wasserfälle, dschungelartige Lorbeerwälder, schroffe Steilküsten, spektakuläre Vulkankrater, historische Waalwege und sogar UNESCO-geschützte Weinanbaugebiete.
Unser Autor Marius Oppold hat seine drei persönlichen Lieblingswanderungen auf den Inseln Flores, Pico und São Miguel für uns ausgewählt und stellt sie dir hier vor.
- Insel Flores: raue Tour nach Fajã Grande
- Insel Pico: Wanderung aufs Dach Portugals
- Insel São Miguel: Abenteuer im Vale das Lombadas
Insel Flores: raue Tour nach Fajã Grande
Flores ist die westlichste Insel Europas und fühlt sich tatsächlich wie das Ende der Welt an. Auf der gesamten Insel leben nur wenige Tausend Einwohnerinnen und Einwohner. Die Landschaft ist spektakulär grün, die Küsten sind rau und dramatisch, und vielerorts hört man außer Wind, Wasserfällen und Vogelstimmen praktisch nichts.
Meine Lieblingswanderung führt von Lajedo entlang der wilden Westküste nach Fajã Grande. Da es sich um eine lineare Strecke handelt, haben wir unser Auto morgens in Fajã Grande abgestellt und sind mit dem Bus zurück zum Startpunkt nach Lajedo gefahren. So kann man die Wanderung entspannt genießen, ohne sich um den Rückweg kümmern zu müssen.
Der Weg verläuft überwiegend auf alten Verbindungswegen und Küstenpfaden. Immer wieder eröffnen sich fantastische Blicke auf den Atlantik, auf grüne Steilhänge und auf Wasserfälle, die hunderte Meter tief Richtung Meer stürzen. Besonders beeindruckend ist das Gefühl von Einsamkeit: Selbst in der Hauptsaison begegnet man oft nur wenigen anderen Wandernden. Die Strecke ist technisch unkompliziert, bietet aber ständig neue Ausblicke und Fotomotive.
Kurz vor dem Ziel erreicht man Fajã Grande. Der Ort liegt auf einer sogenannten „Fajã“ – einer flachen Küstenebene, die durch Erdrutsche oder vulkanische Prozesse am Fuß steiler Klippen entstanden ist. Solche Fajãs sind typisch für mehrere Azoreninseln und zählen zu den faszinierendsten Landschaftsformen des Archipels.
Das eigentliche Highlight wartet jedoch am Ende der Wanderung: die Cascata do Poço do Bacalhau. Obwohl der Wasserfall über einen kurzen Fußweg leicht erreichbar ist, gehört er für mich zu den beeindruckendsten Orten der gesamten Reise. Das Wasser stürzt aus großer Höhe in ein natürliches Becken, das sich perfekt für ein erfrischendes Bad nach der Wanderung eignet. Wer Flores besucht, sollte sich diesen Ort keinesfalls entgehen lassen.
Kurzprofil:
- Distanz: 17,3 km
- Dauer: ca. 6,5 h
- Höhenmeter: 760 hm
- Startort: Lajedo Dorf, Bushaltestelle
- Charakter: schwer
Packliste: Die wichtigste Ausrüstung für deine Wanderungen auf den Azoren
- Knöchelhohe, wasserdichte Wanderschuhe mit gutem Profil → Lies dazu unseren Ratgeber „Leichte Wanderschuhe“
- Leichte Regenjacke → Lies dazu unseren Ratgeber „Hardshelljacken"
- Warme Isolationsschicht (Fleece oder leichte Daunenjacke) → Lies dazu unseren Ratgeber „Midlayer"
- Atmungsaktive Wanderkleidung im Zwiebelsystem
- Rucksack (20 bis 35 Liter) → Lies dazu unseren Ratgeber „Daypacks"
- Trinkflasche oder Trinksystem (mindestens 1,5 Liter)
- Sonnencreme mit hohem Lichtschutzfaktor
- Sonnenbrille
- Kappe oder Sonnenhut
- Wanderstöcke (besonders hilfreich auf steilen Abstiegen)
- Offline-Karten oder GPS-App auf dem Smartphone
- Powerbank
- Erste-Hilfe-Set inklusive Blasenpflaster
- Snacks und Energieriegel
Insel Pico: Wanderung aufs Dach Portugals
Der Name der Insel verrät bereits ihr markantestes Wahrzeichen: den Pico, mit 2.351 Metern der höchste Berg Portugals. Gleichzeitig ist die Insel für ihre einzigartigen Weinbaugebiete bekannt, deren von Lavasteinmauern durchzogene Landschaft sogar zum UNESCO-Welterbe gehört.
Die Besteigung des Pico ist für viele Wandernde der große Höhepunkt einer Azorenreise. Der klassische Aufstieg startet an der Casa da Montanha auf rund 1.200 Metern Höhe. Dort muss man sich registrieren, eine Gebühr entrichten, und seine Ausrüstung vorzeigen und erhält ein GPS-Gerät beziehungsweise einen Tracker zur Sicherheit. Interessanterweise schien bei unserem Besuch die Online-Reservierung komplett ausgebucht zu sein – vor Ort war eine Anmeldung jedoch problemlos möglich.
Der Weg selbst ist alles andere als gemütlich. Vom ersten bis zum letzten Meter geht es steil bergauf. Dennoch macht die Tour überraschend viel Spaß, da das vulkanische Gestein extrem griffig ist und man auch in steilerem Gelände meist einen sicheren Tritt findet. Immer wieder blickt man über die Wolken hinweg auf den Atlantik und die Nachbarinseln des Zentralarchipels.
Wer die ultimative Herausforderung sucht und über eine außergewöhnlich gute Kondition verfügt, kann sogar auf Meereshöhe starten und den gesamten Höhenunterschied aus eigener Kraft bewältigen. Für die meisten Wandernden dürfte jedoch die klassische Variante ab der Casa da Montanha die sinnvollere Wahl sein.
Hat man den Hauptkrater erreicht, sollte man unbedingt noch den zusätzlichen Abstecher auf den Piquinho einplanen. Dieser kleine Gipfelaufbau bildet den höchsten Punkt Portugals. Neben dem grandiosen Ausblick sind vor allem die warmen Luftströmungen faszinierend, die aus dem schlafenden Vulkan austreten. Auf den letzten Metern fühlt man sich stellenweise tatsächlich wie in einer Sauna – ein einzigartiges Erlebnis auf Europas höchstem Vulkan außerhalb Islands.
Kurzprofil:
- Distanz: 7,5 km
- Dauer: ca. 6 h
- Höhenmeter: 1020 hm
- Startort: Casa da Montanha (Besucherzentrum)
- Charakter: schwer
- Besonderheit: Permit erforderlich (Website oder vor Ort im Mountain's House), GPS obligatorisch
Insel São Miguel: Abenteuer im Vale das Lombadas
São Miguel ist die größte und touristisch bekannteste Insel der Azoren. Im Vergleich zu Flores oder Pico geht es hier deutlich lebhafter zu. Dennoch gibt es auch auf der Hauptinsel noch echte Wildnis und Orte, die kaum jemand besucht. Einer davon ist das abgelegene Vale das Lombadas – das Tal der Hügel.
Bereits die Anfahrt ist ein kleines Abenteuer und nur für Fahrerinnen und Fahrer mit etwas Erfahrung empfehlenswert. Ausgangspunkt ist die ehemalige Mineralwasserfabrik Fonte de São Pedro. Bevor man losgeht, sollte man unbedingt die alte Quelle suchen, die etwas versteckt nordwestlich des Parkplatzes liegt. Das dort austretende Mineralwasser ist erstaunlich erfrischend und ein perfekter Start in die Tour.
Ganz in der Nähe befindet sich außerdem der Pfad zur Cascata das Lombadas. Dieser Weg ist allerdings mit höchster Vorsicht zu genießen. Er wird nicht mehr gepflegt, ist steil, exponiert, oft matschig und kann insbesondere bei Nässe gefährlich sein. Nach wenigen Minuten entschieden wir uns für einen taktischen Rückzug – eine Entscheidung, die sich in diesem Fall definitiv richtig anfühlte.
Das eigentliche Ziel ist jedoch das Tal selbst. Vom Parkplatz folgt man dem Wasserlauf Richtung Südosten hinein ins Vale das Lombadas. Eine offizielle Markierung existiert nicht. Teilweise verschwindet jede Spur eines Weges, und man orientiert sich stattdessen am Bachbett und am Gelände. Bei trockenen Bedingungen ist das problemlos machbar, nach Regenfällen kann die Situation jedoch ganz anders aussehen.
Gerade diese Wildheit macht den Reiz der Tour aus. Moosbewachsene Felsen, dichter Wald, kleine Wasserläufe und die völlige Abwesenheit anderer Menschen sorgen für ein echtes Entdeckungsgefühl. Wir kehrten nach etwa anderthalb Kilometern um. Bei entsprechend trockenen Bedingungen dürfte es jedoch möglich sein, dem Tal noch deutlich weiter bis in Richtung der Quellengebiete zu folgen.
Wer auf den Azoren nicht nur die bekannten Klassiker abhaken, sondern auch das Gefühl echter Expedition erleben möchte, findet hier ein kleines Abenteuer abseits der üblichen Wanderkarten.
Kurzprofil:
- Distanz: 4,6 km
- Dauer: ca. 6 h
- Höhenmeter: 114 hm
- Startort: Parkplatz am Vale das Lombadas
- Charakter: schwer
Infos für die Wanderreise auf die Azoren
Beste Reisezeit:
April bis Oktober. Die Monate Mai, Juni und September gelten als besonders angenehm zum Wandern.
Anreise:
Internationale Flüge führen meist über Lissabon oder Porto auf die Hauptinsel São Miguel. Inlandsflüge verbinden die einzelnen Inseln.
Fortbewegung:
Ein Mietwagen ist für Wandernde nahezu unverzichtbar. Viele Start- und Endpunkte liegen abseits der Ortschaften. Öffentliche Verkehrsmittel sind nur eingeschränkt nutzbar.
Verbindung zwischen den Inseln:
Die Regionalfluggesellschaft SATA Air Açores verbindet alle neun Inseln regelmäßig.
Zwischen den Inseln verkehrt die Fährgesellschaft Atlânticoline.
Wetter:
sehr wechselhaft. Sonne, Nebel, Wind und Regen können innerhalb kurzer Zeit auftreten. Vor jeder Tour aktuelle Wetterprognosen und Webcams prüfen: Das Wetter kann sich innerhalb weniger Minuten komplett verändern. Während ein Gipfel im Nebel verschwindet, scheint wenige Kilometer entfernt die Sonne. Oft reicht schon ein kleiner Höhenunterschied oder ein Standortwechsel auf die andere Inselseite, um völlig andere Bedingungen vorzufinden.
Wanderwege:
Die meisten offiziellen Wege sind hervorragend markiert und gut gepflegt. Auf einigen abgelegenen Routen sind Orientierungssinn und Trittsicherheit erforderlich.
Schwierigkeit:
Von einfachen Küstenwanderungen bis zu anspruchsvollen Vulkanbesteigungen ist alles möglich. Höhenmeter und Wetterbedingungen sollten nicht unterschätzt werden.
Sicherheit:
Es gibt keine gefährlichen Wildtiere. Die größten Risiken sind rutschige Wege, Nebel, starke Sonneneinstrahlung und rasch wechselnde Wetterlagen.
Unterkunft:
Von Gästehäusern über Ferienwohnungen bis zu Hotels steht auf allen touristisch erschlossenen Inseln eine gute Auswahl zur Verfügung.
Haftungsausschluss: Diese Tour(en) wurde(n) nach bestem Wissen aufbereitet. Eine Gewähr für die Richtigkeit der Angaben wird dennoch nicht gegeben. Das Befahren und Begehen erfolgt stets auf eigene Gefahr. Lies hier den vollständigen Haftungsausschluss.