Ein leicht verdauliches und doch tiefgreifendes Buch zu einem ohne Frage sehr wichtigen Thema.
VORTEILE
- übersichtlich
- leicht verständlich
- ansprechendes Layout
- tiefgreifend
- fundiert
- aktuallisiert (6. Auflage, 2018)
NACHTEILE
- unnötig lange Einleitung mit Wiederholungen
BEWERTUNG
Thematik
Lawinen sind neben Steinschlag und Stürzen eine der großen Gefahren für uns Bergsportler. Zwar suchen einige von uns eben diese, da – um Reinholdmessner zu zitieren – ein Abenteuer aus Schwierigkeiten, Gefahren, und einer gewissen Exposition besteht. Jedoch sollte – wie er weiter sagt - das Überleben stets oberste Priorität besitzen. Und der Schlüssel dazu ist das frühzeitige Erkennen und das dadurch erst mögliche rechtzeitige Umgehen von Gefahren gepaart mit einer gesunden Selbsteinschätzung. Nun, die Selbsteinschätzung muss sich ein jeder selbst aneignen, aber bei der Erkennung von Gefahren durch Lawinen soll dieses Buch helfen:
R. Mair, P. Nairz, lawine. Die entscheidenden Probleme und Gefahrenmuster erkennen Das Standardwerk zur Schnee- und Lawinenkunde, 6. Auflage, Tyrolia, Innsbruck, 2018. - 978-3-7022-3504-8
Das erklärte Ziel dieser Abhandlung ist das Aufdecken klar definierbarer, immer wiederkehrender, ofensichtlicher Gefahrensituationen.

Autoren
Die Autoren Dr. Rudi Mair und DI Patrick Nairz – beide gebürtig aus Innsbruck – sind Leiter und stellvertretender Leiter des Lawinenwarndienstes Tirol.
Rudi ist ein 1961er Jahrgang. Er studierte Meteorologie und Glaziologie in Innsbruck und arbeitete danach zwei Jahre lang als wissenschaftlicher Mitarbeiter – meist auf einer Forschungsstation in der Arktis – beim Alfred-Wegner-Institut für Polarforschung. Er leitet seit 1999 den Lawinenwarndienst Tirol und ist seit 2000 allgemein beeideter und gerichtlich zertifizierter Sachverständiger für Meteorologie, Lawinenkunde, Lawinenunfälle und Lawinenschutz. Zudem doziert er seit 2011 an Universitäten im Fach Schnee- und Lawinenkunde.
Patrick ist ein 1970er Jahrgang. Er studierte Wildbach- und Lawinenverbauung in Wien und Vancouver. Seit 1995 darf er sich staatlich geprüfter Skitoureninstruktor und seit 1998 ausgebildeter Bergretter nennen. Er hat die stellvertretende Leitung des Lawinenwarndienstes Toirol seit 1999 inne und leitete zudem zwischen 2009 und 2013 die Arbeitsgruppe der Europäischen Lawinenwarndienste.
Die beiden halten schon länger in Tirol und auch überregional gemeinsame Vorträge Lawinen und ihre Gefahren betreffend und haben 2010 die erste Fassung des seit dem mehrfach überarbeiteten Buches lawine. herausgebracht. Seit 2013 gibt es dieses sogar in italienischer, tschechischer und russischer Sprache.

Lesbarkeit
Ich als Legastheniker und Lessemuffel wühle mich nur ungern durch lange Texte. Zudem bin ich kurze und präzise wissenschaftliche Veröffentlichungen gewohnt und schlage nur im Notfall mal ein umfangreicheres Lehrbuch auf. Mir gefällt dieses Buch jedoch wirklich gut.
Auf den ersten Blick fällt bereits auf, dass das Layout sehr aufgeräumt und übersichtlich gestaltet, durch Bilder aufgelockert und die kurzen Texte durch zusätzliche Darstellung des Inhalts in geeigneten Abbildungen ergänzt wurden.
Der Schreibstil ist deutlich und präzise. Und werden mal Fremdwörter verwendet, so findet sich im selben Absatz noch die passende Erklärung dazu. Die Texte dürften daher für Jedermann gut verständlich sein.
Inhalt zu wiederholen, um ihn einprägsamer zu gestalten, halte ich jedoch für unnötig. Es ist ein Buch, da kann man einen Satz auch zwei oder drei Mal lesen. Nach den ersten 20 Seiten dachte ich mir aber: „Komm endlich zur Sache. Was für ein Geschwafel.“ Dies betrifft jedoch nur die Einleitung. Spätestens sobald es zum Kernthema – den 10 Gefahrenmustern – kommt, ist nichts mehr an den Texten auszusetzen.

Inhaltlich
Im Buch steckt das gebündelte Wissen aus 25 Jahren Unfallanalyse des Tiroler Lawinenwarndienstes. Um diesen Batzen für Laien begreifbar und in der Praxis anwendbar zu machen, wurde er in die Grundlagen, 5 Lawinenprobleme und 10 Gefahrenmuster (Theorie- u Praxisteil) unterteilt.
Die ersten 20 Seiten können getrost weggelassen werden. Hier feiern sich die Autoren selbst, indem dutzendfach beschrieben wird, worum es in dem Buch gehen wird, warum das wichtig ist und wie toll das doch gelungen ist. Nicht, dass etwas inhaltlich falsch daran wäre. Aber wer sich dieses Buch kauft, der wird schon wissen warum er es haben will und muss nicht mehr überzeugt werden.
Die darauf folgenden 10 Seiten sind tatsächlich eine Einleitung und bereiten das Verständnis für die folgenden Kapitel vor.
Die 5 Lawinenprobleme sind schnell überflogen. Sie bieten lediglich einen sehr groben Überblick. Nicht mehr, als wenn man schon mal eine Lawine gesehen hat. Sie machen jedoch deutlich, dass Lawine nicht gleich Lawine ist.
Damit man jedoch einen Blick für die Gefahren im verschneiten Gelände entwickeln kann, ist meiner Meinung nach das wirkliche Verständnis der Ursachen, die im Zusammenspiel zu einer dieser Lawinen führen können, von Nöten.
Daher freut mich umso mehr, dass der größte Teil mit 170 Seiten den Gefahrenmustern mit je einem Theorie und Praxisteil und damit der Erläuterung der Ursachen und der Veranschaulichung anhand zahlreicher Beispiele gewidmet ist. Dieser Abschnitt ist der wirklich lesenswerte Teil des Buches. Wer schon etwas Ahnung vom Thema zu haben glaubt, der kann sich gleich diese Seiten vornehmen. Und das am besten zwei oder drei Mal.

Wissenschaftlichkeit
Die beiden Autoren haben etwas Übung im Umgang und dem Verfassen wissenschaftlicher Veröffentlichungen. Doch sind diese meist in einer Fachsprache verfasst, um eine Kommunikation zwischen Kollegen auf höchstem Nivea möglich zu machen. Dieses Buch ist weit davon entfernt. Zumindest was die für Leihen oft unverständliche Fachsprache anbelangt. Nicht jedoch im Bezug auf Fundiertheit und Nachvollziehbarkeit. Als Quellenangaben müssen hier die Fallbeispiele herhalten. Doch diese sind ausgewogen ausgewählt. Sie unterstreichen zwar stets das vorher gesagte, machen aber auch deutlich, dass es in der Realität nicht immer so einfach ist und oft mehrere Faktoren – und nicht nur die eben noch hervorgehobene – ihre Finger im Spiel haben.
Die Abbildungen und Tabellen weisen meist Über- oder Unterschriften auf und werden anhand derer, direkter Beschriftungen in der Abbildung oder ihrer Legende ausreichend gut erläutert.
Ein weiteres Quellenverzeichnis mit spezialisierten Veröffentlichungen oder Nachschlageliteratur ist nicht vorhanden. Das Buch ist aber auch ein gutes Gesamtwerk und hat diese Verweise ganz und gar nicht nötig.

Daten
Ist´s als Taschenbuch mitführbar, oder eher ein Nachschlagewerk für zu Hause?
Gewicht: 660 g
Größe: 23.5 cm x 17 cm x 1.5 cm
Seitenzahl: knapp 230
Das Buch ist im Van sicherlich unter zu kriegen. Für mich als Ultraleichtfetischist ist es aber ganz klar ein Wälzer für zu Hause.

Unterstützer
Neben ein wenig Werbung in den Buchdeckeln finden sich auf dem Buchrücken einige Logos von Unterstützern, die dieses Buch empfehlen möchten. Hierbei handelt es sich um Alpenvereine, Naturfreunde, Bergsport- und Bergführerverbände und das Land Tirol. Zumindest von meinem, dem deutschen Alpenverein, weis ich, dass genau darauf geschaut wird, wo das eigene Logo Verwendung findet. Ich gehe daher fest davon aus, dass der DAV voll und ganz hinter dieser Lektüre steht. Da darf man sich gerne dran orientieren.

Resümee
Überraschungen kann und wird es immer geben. Auch die unangenehme Sorte. Doch kommt dieses Buch seinem erklärten Ziel sehr nahe. Es kann ein grundliegendes Verständnis schaffen, dass dabei hilft die „klar definierbaren, immer wiederkehrenden, ofensichtlichen Gefahrensituationen“ zu erkennen und zu umgehen. Doch ist es keine Alleinlösung. Es ist vielmehr ein guter Baustein in einem Gebäude, dass ein jeder aus theoretischem Wissen und Erfahrung am Berg schützend über sich errichten kann. Nehmt also alles mit, was ihr auf eurem Weg finden könnt. Ein Lawinenrettungskurs wäre beispielsweise eine geschickte Ergänzung, falls es mit dem „aus dem Weg gehen“ mal nicht so klappt.
Wer sich jedoch gerade explizit auf eine Tour vorbereitet, der muss nicht unbedingt das ganze Buch lesen. Jedes einzelne Kapitel - vielleicht das passende zum Wetter - ist schon einmal besser als nichts. Und wenn das Wetter sich dann auch an den Wetterbericht hält, ist schon viel gewonnen.