Guter Trailrunningschuh für technisch einfacheres Gelände.
VORTEILE
- Gute Dämpfung
- Guter Grip
- Atmungsaktives Material
- Sehr hochwertig verarbeitet
NACHTEILE
- Wackelig im technischen Gelände
- Schnürsenkel gehen schnell auf
BEWERTUNG
The North Face Summit Vectiv Pro 3 im Test: Komfort satt, aber kein Schuh für jedes Gelände
Als das Paket von OUTSIDEstories ankam, war ich ehrlich gesagt ziemlich gespannt. Der Summit Vectiv Pro 3 ist das Topmodell von The North Face im Trailbereich, ein Schuh mit Carbonplatte, der eigentlich für lange Ultrarennen gebaut ist. Ich laufe hauptsächlich bei mir daheim am Arlberg: Hüttenzustiege, Höhenwege, mal technisch, mal gemütlich. Genau dort hab ich den Schuh die letzten Wochen getragen, dazu noch im Urlaub in Südfrankreich. Insgesamt sind so knapp 100 Kilometer zusammengekommen, und ich hab mittlerweile ein ziemlich klares Bild davon, wo der Schuh glänzt und wo nicht.
Auspacken und erster Eindruck
Schon die Verpackung war hochwertig, und das setzt sich beim Schuh fort. Verarbeitung, Materialien, Nähte – da gibt's nichts auszusetzen. Man merkt, dass das ein Premiumprodukt sein will. Was mir sofort aufgefallen ist: Der Schuh ist hoch. Richtig hoch. Beim ersten Anschauen dachte ich, der hat eine extreme Sprengung, weil man so weit über dem Boden steht.
Ich hab dann nachgelesen, und das stimmt so nicht ganz. Die Sprengung liegt laut Hersteller bei 6 mm, also eigentlich im moderaten Bereich. Was man sieht und spürt, ist die Bauhöhe: 37 mm unter der Ferse, das sind 4 mm mehr Dämpfung als beim Vorgänger, dem Vectiv Pro 2. Für einen Trailschuh ist das eine Ansage. Der erste Eindruck war trotzdem ein guter, eher neugierig als skeptisch.




Was technisch drinsteckt
Kurz zur Technik, weil sie das Laufgefühl ziemlich stark prägt. In der Mittelsohle steckt der sogenannte DREAM-Schaum von The North Face, ein sehr leichter, stark rückfedernder Schaum. Darin sitzt das VECTIV-3.0-System: eine durchgehende Carbonplatte für den Vortrieb und darüber eine zweite Platte, die für mehr Stabilität sorgen soll. Dazu kommt eine deutliche Rocker-Form, also eine vorne nach oben gebogene Sohle, die das Abrollen erleichtert. Die Außensohle heißt SURFACE CTRL, das Obermaterial ist nahtlos gearbeitet und soll wasserabweisend und schnelltrocknend sein. Das Gewicht liegt laut Tests bei knapp 300 Gramm pro Schuh, also kein Leichtgewicht, für die Menge an Dämpfung aber auch nicht schwer.
Wofür der Schuh gedacht ist, sagt The North Face ziemlich klar: für Ultradistanzen im Training und im Wettkampf. Das sollte man im Hinterkopf behalten, wenn man meine Eindrücke liest, denn ich hab ihn auch in Gelände getragen, für das er nicht primär gemacht ist.
Passform und Größe
Von der Größe her würde ich sagen, er fällt normal aus. Ich habe meine übliche Größe bekommen und bin gut reingekommen. Allerdings war er mir tendenziell ein kleines bisschen zu groß, ein Tick Luft, der mir vor allem später im Gelände aufgefallen ist. Das ist natürlich individuell und hängt vom Fuß ab. Wer zwischen zwei Größen liegt, sollte ihn vor dem Kauf unbedingt probieren. Mehr dazu gleich bei der Stabilität, denn ich glaub, die beiden Punkte hängen zusammen.
Dämpfung und Laufgefühl
Die Dämpfung ist das, was diesen Schuh ausmacht, und die ist wirklich extrem. Ich fand das sehr fein. Gerade bergab ist das ein echtes Plus, er fühlt sich beim Runterlaufen richtig gut an und die Schläge kommen kaum bei den Beinen an.
Aber, und das ist mein größter Kritikpunkt: Diese Dämpfung hat ihren Preis bei der Stabilität. Im Vergleich zu meinen bisherigen Trailschuhen hat der Vectiv Pro 3 deutlich mehr Dämpfung, und genau dadurch ist er wahrscheinlich auch ein bisschen wackeliger. Ich hab ihn stellenweise wirklich so empfunden. Wenn man so weit über dem Boden steht, fehlt einem auf unebenem Untergrund einfach etwas das Gefühl für den Boden. Wie viel davon an der Bauweise liegt und wie viel daran, dass er mir ein Tick zu groß war, kann ich ehrlich gesagt nicht ganz auseinanderhalten. Ein Schuh, der nicht hundertprozentig satt sitzt, verstärkt so ein Gefühl natürlich. Ich vermute, dass beides zusammenspielt.






Wo ich ihn gelaufen bin
Getestet habe ich ihn hauptsächlich bei uns am Arlberg. Ich bin damit zur Leutkircher Hütte hochgelaufen, bin den Höhenweg gelaufen, der technisch schon ein Stück anspruchsvoller ist, und war beim Kaiserjochhaus. Dazu kamen einfachere Läufe, zum Beispiel ins Verwall.
Da zeigt sich für mich der Unterschied ziemlich deutlich. Auf den einfacheren Trails und bei den Hüttenzustiegen war der Schuh richtig angenehm, da passt alles: Dämpfung, Abrollen, Komfort. Auf dem Höhenweg, wo es felsiger wird, hätte ich mir mehr Kontrolle gewünscht. Am wackeligsten hat er sich auf dem versicherten Abschnitt angefühlt, wo man am Drahtseil entlanggeht und über Drahtbügel steigt. Im Verhältnis zum Rest der Strecke war das die Stelle, an der ich mich am wenigsten sicher gefühlt hab. Gegangen ist es schon, insgesamt hat alles gut funktioniert, aber genau in solchem Gelände merkt man die Wackeligkeit am ehesten.
Grip
Beim Wetter hatte ich während der Testphase so ziemlich alles dabei, von schönen, trockenen Tagen bis zu nassen Läufen. Den Grip fand ich eigentlich richtig gut. Auf Wiese, Wurzeln und den typischen Wegen hier hat die Sohle sauber gehalten. An seine Grenzen gekommen ist er auf nassem Fels, vor allem dort, wo Flechten drauf sind. Da hat er nicht mehr hundertprozentig gehalten. Fairerweise muss man sagen, dass nasser, bewachsener Fels für viele Trailschuhe eine Herausforderung ist. Aber wer viel in solchem Gelände unterwegs ist, sollte das wissen.
Komfort auf längeren Läufen
Hier gibt's nur Positives. Ich hatte keine Blasen und keine Druckstellen, auch nicht auf den längeren Läufen. Mein längster Lauf waren ungefähr 18 Kilometer mit 1.200 Höhenmetern. Danach waren die Beine natürlich ein wenig müde, aber gerade die Füße haben sich richtig entspannt angefühlt. Da merkt man, wofür der Schuh gebaut ist.
Abstecher in die Tarnschlucht
Im Urlaub waren wir in den Gorges du Tarn, der Tarnschlucht in Südfrankreich, zum Klettern. Den Schuh hatte ich dort für die Zustiege an. Das hat okay funktioniert, aber prädestiniert ist er dafür nicht, dafür ist er mir ein wenig zu wackelig. Für Zustiege würde ich einen flacheren Schuh mit mehr Bodengefühl nehmen. Das ist aber kein Vorwurf an den Vectiv Pro 3, er ist schlicht nicht dafür gemacht.
Obermaterial und Atmungsaktivität
Mit dem Obermaterial war ich zufrieden. Es sitzt gut, ist bequem und atmet gut. Da gibt's für mich nichts zu meckern.












Haltbarkeit
Ich bin mit dem Schuh jetzt ungefähr 100 Kilometer gelaufen, vielleicht ein bisschen weniger. Bis jetzt sieht man ihm das nicht an, es gibt keinen sichtbaren Verschleiß und er ist noch gut in Schuss. Wie er nach 300 oder 500 Kilometern aussieht, kann ich natürlich noch nicht sagen, aber der erste Eindruck ist gut.
Was genervt hat
Am ehesten haben mich die Schnürsenkel genervt. Die gehen relativ schnell auf. Das ist keine Katastrophe, aber unterwegs stehenbleiben und neu binden ist halt lästig, gerade bei einem Schuh in dieser Preisklasse.
Mein Fazit
Würde ich ihn wieder kaufen? Ja. Allerdings nicht für richtig technische Trails, dafür ist er mir zu wackelig. Seine Stärken spielt er auf längeren Läufen aus, auf Trails, die nicht ständig verblockt sind, und überall dort, wo man viele Kilometer machen und die Beine schonen will. Für Hüttenläufe, lange Einheiten und laufbare Bergtrails ist er für mich eine richtig gute Wahl.
Wer dagegen hauptsächlich im steilen, felsigen Gelände unterwegs ist, viel auf nassem Fels läuft oder einen Schuh sucht, der auch beim Zustieg zum Klettern eine gute Figur macht, ist mit einem flacheren, direkteren Modell besser bedient. Und mein Tipp zur Größe: Wenn möglich, probieren. Ein Schuh mit so viel Bauhöhe muss richtig satt sitzen, sonst verstärkt sich das Wackelgefühl.
Lob: Extrem gute Dämpfung, vor allem bergab. Keine Blasen oder Druckstellen. Guter Grip auf Wiese, Wurzeln und Wegen. Atmungsaktives, bequemes Obermaterial. Hochwertige Verarbeitung, nach rund 100 km kein sichtbarer Verschleiß.
Tadel: In technischem Gelände wackelig. Auf nassem Fels mit Flechten nicht mehr ganz sicher. Schnürsenkel gehen schnell auf. Bei mir ein Tick zu groß.