Kletterschuhe

Von FGunti
Ratgeber: Kletterschuhe

Kaum ein anderes technisches Hilfsmittel hat den Felssport stärker revolutioniert als Kletterschuhe – und die hohen Schwierigkeitsgrade erst möglich gemacht: Dank der speziellen Schuhe finden Kletterer auch auf kleinsten Leisten und in strukturlosen Platten Halt. Kletterschuhe gibt es mittlerweile in allen erdenklichen Formen und Farben. Nicht nur Anfänger stehen deshalb oft verloren vor den mittlerweile riesigen Schuhregalen. Auch ambitionierte Kletterer hört man am Wandfuß immer wieder über zu enge oder weite Felstreter schimpfen. Tatsächlich ist die Wahl des richtigen Schuhs oft eine Millimeterentscheidung – bei der wir dir gerne helfen.

Mit unserem Ratgeber liefern wir dir alle wichtigen Tipps und Infos rund um den perfekten Kletterschuh. Und wenn du noch mehr darüber wissen möchtest: auf OUTSIDEstories findest du eine Menge authentischer Erfahrungen aus unserer Community – zu verschiedenen Modellen, von allen gängigen Herstellern und inklusive Preisvergleich.

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Ein ordentlicher Kletterschuh macht moderne Moves, wie den "Toehook", erst möglich.

Der Mensch und seine Füße: Warum wir Kletterschuhe brauchen

Im Lauf der Evolution haben wir verlernt, über längere Distanzen ohne Schuhwerk unterwegs zu sein. Was im Sommer auf einer Wiese noch richtig viel Spaß macht, wird spätestens auf steinigem Terrain zum Problem: Hier fehlen uns Hornhaut und Fußmuskeln, um dem unebenen und rauen Weg über längere Zeit zu folgen. Noch stärker wirkt sich das Defizit unserer barfuß-performance im Steilen aus: Abgesehen davon, dass wir uns am rauen Gestein die Füße blutig kratzen, sind unsere Zehen nicht (mehr) stark genug, um sich an kleineren Felsstrukturen festkrallen zu können. Die Folge: Der Zeh verliert Spannung – und wir lernen die negative Seite der Schwerkraft kennen.

Ergo: Man braucht zum Klettern Schuhe. Und zwar nicht irgendwelche Lauf- oder Bergschuhe, sondern Kletterschuhe: Sie liegen eng an und besitzen eine stabile Sohle. Nur so bringt man in steilen Wänden genug Druck auf den Fels. Gleichzeitig darf der Unterbau nicht zu dick sein: Kletterer müssen die Tritte unter ihnen spüren können. Und: Sohle und Gummimischung müssen flexibel genug sein, um auch auf Reibungstritten Halt zu bieten.

Wie wichtig bereits vor 30 Jahren Kletterschuhe waren, beweist diese kleine Anekdote: Der berühmte Kletterer Albert Precht verzichtete 1986 bei seiner free-solo Erstbesteigung der Tour „Freier als Paul Preuß“ (Wandhöhe 900 Meter, UIAA-Schwierigkeit 7) zwar auf alle Klamotten – aber die Kletterschuhe (und sein Stirnband) behielt er an.

Aufbau

Weich, hart, flexibel und doch stabil – Kletterer stellen große Erwartungen an ihre Schuhe. Die gute Nachricht: Moderne Exemplare sind diesen Anforderungen in der Regel gewachsen – dank spezieller Konstruktionen und Features, die wir im Folgenden vorstellen.

Gib Gummi: Die Sohle

Reibungstritte gelingen am besten mit einer weichen Gummimischung.

Die Sohle von Kletterschuhen besteht aus einer (von Hersteller zu Hersteller unterschiedlichen) Gummimischung und weist grundsätzlich kein Profil auf. Lass dich von coolen Marketingnamen nicht blenden: Bis zu einem hohen Schwierigkeitsgrad ist es ziemlich egal, welche Sohle man verwendet – vielleicht mit Ausnahme des Plazebo-Effekts: „In meinen hyper-Gecko-Schuhen klettere ich einfach besser.“ Das mag stimmen, liegt aber ziemlich sicher nicht an der Gummimischung. Der einzige Faktor, der bereits in unteren Graden einen Unterschied ausmachen kann, ist der Härtegrad des Gummis: Mit härterem Gummi kann man kraftsparender Druck auf kleine Leisten ausüben. Weichere Gummisohlen hingegen eignen sich etwas besser für Reibungsklettereien.

Alles Leder oder was? Das Obermaterial

Hier dominieren zwei Materialien den Markt: Kunstleder und Echtleder. Letzteres bietet ein angenehmeres Fußklima und weitet sich in der Regel noch ein Stück. Man kann so einen Schuh also etwas enger kaufen. Schuhe aus Kunstleder hingegen halten ihre Form – allerdings schwitzt man darin schneller.

Nicht nur die Banane ist krumm: Der Schnitt

Beim Schnitt gibt es drei Werte, die Käufer beachten sollten: Downturn, Vorspannung und die Form der Leisten. Der bekannteste, weil auffälligste Wert, ist der Downturn. Er beschreibt die Biegung des Schuhs zwischen Spitze und Ferse. Im Extremfall nimmt der Schuh die Form einer Banane an. Die Wirkung eines starken Downturns: Das Heranziehen über den Fuß fällt leichter. Ein starker Downturn wird allerdings erst beim Klettern in ausladenden Dächern, wie zum Beispiel beim Bouldern üblich, wichtig.

Mit Vorspannung meint man hingegen den Zug, den der Gummi auf die Ferse auswirkt. Stark gespannte Schuhe umschließen die Ferse sehr gut, was bei Hooks, also dem Einhaken mit der Ferse am Fels, ein entscheidender Vorteil sein kann. Allerdings fühlt sich eine starke Vorspannung gerade für Kletteranfänger eher unangenehm an.

Übrigens: Weder für die Vorspannung noch für den Downturn gibt es eine Skala, die diese beiden Features beschreibt und einordnet. Wie stark die beiden Eigenschaften ausgeprägt sind, erkennt ihr deshalb erst, wenn ihr euch den Schuh anseht bzw. anprobiert.

Der Leisten eines Kletterschuhs variiert von Modell zu Modell: Viele Profi-Schuhe besitzen einen stark asymmetrischen Leisten. Man erkennt ihn an einer starken Biegung des Schuhs hin zum großen Zeh. Dadurch fehlt es den übrigen Zehen oft an Platz, der Schuh trägt sich etwas unangenehmer. Natürlich hat die Asymmetrie auch ihre Vorteile: Sie unterstützt das Antreten auf kleinen Felsstrukturen. Modelle mit eher symmetrischem Leisten ähneln mehr unseren Straßenschuhen. Sie tragen sich logischerweise bequemer.

Fesselspiele: Der Verschluss

Schnürsenkel, Klettverschluss oder Gummizug? Alle Varianten haben ihre Vorteile.

Klettverschluss, Schnürsenkel oder Gummizug (Slipper)? Alle haben ihre Vor- und Nachteile: Schuhe mit Klettverschluss lassen sich sehr schnell verschließen, können aber nicht so präzise eingestellt werden.

Die beste Kontrolle bieten Kletterschuhe mit Schnürung, die allerdings bis weit nach vorne reichen sollte. So lässt sich der Schuh individuell anpassen. Nachteil: Im Klettergarten, wo nach jeder Tour die Schuhe ausgezogen werden, dauert das Anziehen immer recht lange.

Slipper bestehen aus einem Gummizug und bieten grundsätzlich den geringsten Halt. Kletterer kompensieren dieses Defizit häufig, indem sie solche Schuhe oft ein paar Nummern kleiner kaufen.

Socken oder Barfuß?

Soll ich barfuß in meine Kletterschuhe schlüpfen oder doch lieber Socken anziehen? Die meisten Kletterer haben diese Frage bereits für sich entschieden: Sie klettern barfuß. Der große Vorteil: Man hat mehr Gefühl und Halt in den Schuhen. Zu Socken greift man nur, wenn sich die Felstreter stark geweitet haben und man auf diese Weise wieder mehr Kontrolle gewinnen möchte. Auch manche Alpinkletterer, die vor allem in kälteren Gebieten unterwegs sind, ziehen oft Socken an. Ein weiterer Plus-Faktor: Wer konsequent mit Socken klettert, bekommt keine stinkenden Füße. Das ist besonders vorteilhaft, wenn man in der Mittagspause Bouldern geht.

Wer allerdings ernsthaft Klettern möchte, zieht die Socken aus: Ein präziseres Treten steht über Stinkefüßen.

Der richtige Schuh für dich

Boulderer bevorzugen meist Schuhe mit ausgeprägtem Downturn und Vorspannung.

Bevor du den Shop betrittst, solltest du dir über eine grundlegende Frage Gedanken machen: Für welche Spielart des Kletterns (Halle, Bouldern, Sportklettern oder Alpin) möchtest du den Schuh einsetzen?

Bist du in jeder freien Minute in (einfachen) Mehrseillängen-Routen unterwegs? Dann sind bequemere Modelle richtig für dich: Immerhin trägst du den Schuh den ganzen Tag. Auch sollten Downturn, Vorspannung und Asymmetrie des Schuhs nicht zu ausgeprägt sein.

Beim Bouldern geht es sehr athletisch und meist ziemlich überhängend zu  - ein eng sitzender Schuh mit Downturn, Vorspannung und gewisser Asymmetrie kann dir nicht schaden. Wichtig: Da beim Bouldern viele Hooks gesetzt werden, sollte deine Ferse den hinteren Bereich der Schuhe vollständig ausfüllen.

Als Sportkletterer wählst du am besten einen Schuh, der sich recht eng an deinen Fuß schmiegt aber nicht drückt. Fortgeschrittene Kletterer können auch Größen wählen, bei denen man die Zehen bereits etwas aufstellen muss: Mit einem kleineren Schuh bringst du mehr Druck auf den Fels und kannst präziser steigen. Aber denk an den Spruch: „Pain is Insane!“ Ab einer gewissen Stufe lähmt dich der Schmerz und versaut dir den Klettertag. Kauf also nicht zu klein!

Wer auf Indoor-Klettern steht, kommt in der Regel auch gut mit besonders günstigen Modellen aus – so lange sie passen. Besonders praktisch sind Schuhe mit dickerer Gummisohle und Rand: In der Halle nutzen sich Kletterschuhe ein gutes Stück schneller ab als draußen. Tipp zum Geldsparen: Ausgemusterte Kletterschuhe neu besohlen lassen und in der Halle verwenden.

Übrigens: Die eierlegende Wollmilchsau gibt es auch bei Kletterschuhen nicht. Viele Fels-Fetischisten haben deshalb verschiedene Exemplare im Schrank: bequeme Treter für Mehrseillängen-Routen, enge fürs Sportklettern und Ältere, wieder besohlte Exemplare für Trainingssessions in der Halle. Möchtest du erst einmal nicht zu viel Geld ausgeben und deshalb den Schuh bei allen Anlässen tragen, wähle einen ausgewogenen Schuh, bei dem du die Zehen maximal leicht aufstellst und der wenig bis gar keine Asymmetrie und Downturn aufweist.

Die Anprobe

Wenn der Schuh perfekt sitzt, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass eine Route gelingt.

Besonders um die richtige Größe der Felstreter halten sich hartnäckig Mythen, wie zum Beispiel: „Immer zwei Nummern kleiner als bei Straßenschuhen.“ Oder: „So klein, dass es gerade noch nicht weh tut!“ Exklusiv für OUTSIDEstories beantwortet Kletterschuhexperte Dr. Luciano Mifaldi diese Frage ein für alle Mal: „Messen Sie die Dicke des rechten Daumens (bei Frauen linker Zeigefinger) und nehmen das Ergebnis mal Pi. Bilden Sie die Wurzel daraus und ziehen Sie den Wert von der Sohlenlänge Ihres Skischuhs ab!“

Im Ernst: Am besten, du gehst von deiner normalen Schuhgröße aus und tastest dich dann langsam näher heran. Im Allgemeinen sollten die Zehen vorne anstehen. Je nachdem, welcher Klettertyp (siehe oben) du bist, wählst du dann eine halbe Nummer größer oder kleiner. Ob einzelne Marken und Modelle besonders groß oder klein ausfallen, kann dir ein kompetenter Verkäufer sagen. Tipp: Passt ein Schuh an einem Fuß perfekt und am anderen nicht so gut, versuche doch mal den gleichen Schuh mit der gleichen Größe aus einer anderen Packung: Kletterschuhe werden noch zu einem Großteil in Handarbeit gefertigt, eine etwas größere Serienstreuung ist deshalb vorprogrammiert. Es kann gut sein, dass der eine Schuh eine Nuance besser passt, als ein anderer der gleichen Größe. Übrigens: Bei den meisten Menschen ist der rechte Fuß ein klein wenig größer als der Linke.

Auch die Tageszeit spielt für den Schuhkauf eine Rolle: Nachmittags schwellen die Füße bei jedem Menschen etwas an. Wer sich also vormittags einen sehr engen Treter kauft, wird nachmittags beim Klettern vielleicht die Schmerzgrenze überschreiten.

Und noch ein Tip am Ende: Lege dich im Vorfeld nicht auf eine Marke fest! Auch wenn deine Freunde alle Marke X tragen und damit richtig zufrieden sind. Wenn Marke X und dein Fuß einfach nicht miteinander können, bist du bei Marke Y vielleicht besser aufgehoben. Hauptsache, der Schuh passt dir: Die Gummimischung spielt unterhalb hoher Klettergrade eine sehr untergeordnete Rolle.

Den Beweis für diese These tritt wieder Albert Precht an. Der hatte bei seiner free-solo-Tour durch die „Freier als Paul-Preuß“ vor rund 30 Jahren sicherlich eine schlechtere Gummimischung unter den Füßen, als alle Modelle, die man heute auf dem Markt findet.

 

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Titelbild: Red Chili GmbH | Foto: Moritz Attenberger

Bilder: Red Chili GmbH | Foto: Moritz Attenberger, La Sportiva

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